Mitgefühl vs. Sensationsgier – Die Schattenseiten der sozialen Netzwerke

Die bedeutendste Begleiterscheinung unseres heutigen Internets – des Web 2.0 – sind wohl ohne Frage die Social Media. In unserer Gesellschaft und unserem täglichen Leben sind sie längst allgegenwärtig und es ist ein Leichtes, uns in den sozialen Netzwerken nach unseren Wünschen zu profilieren und von unserer Schokoladenseite zu präsentieren. Doch in der Realität sind nicht alle unsere Handlungen und Erlebnisse so bewundernswert und vorbildlich, wie wir es den Anderen gegenüber gern glauben machen.

Wer erinnert sich nicht an die Medienberichte im Februar dieses Jahres über einen süßen gestrandeten Baby-Delphin, der qualvoll verendete, weil die zahllosen anwesenden Strandbesucher das hilflose Tier lieber umkreisten und Selfies machten anstatt dem kleinen Delphin zurück ins Wasser zu helfen? Aber Hauptsache, das Bild ist im Kasten.

Ebenfalls sehr fragwürdig ist das Phänomen der Prank-Videos auf YouTube. Während sich der Großteil der Clips auf witzige und harmlose Streiche beschränkt wie das Erschrecken von ahnungslosen Mitmenschen, stößt man inzwischen aber auch öfters auf Videos, bei denen der Witz auch physisch buchstäblich auf Kosten des Betroffenen geht. Der Gier nach aufsehenerregenden Videos, die möglichst viele Klicks generieren, wird die Gesundheit des „Opfers“ dabei bereitwillig untergeordnet. Da wird beim Gehen der Läufer weggezogen und schwere Stürze riskiert, explodierende Airbags unterm Sitz versteckt, die den „Geprankten“ durch die Luft schleudern und manchmal gibt’s zur Krönung auch noch eine Ladung Pfefferspray ins Gesicht – mögliche Langzeitschädigungen der Augen inklusive. Selten so gelacht.

Noch erschreckender ist jedoch die Tatsache, dass Polizei, Feuerwehr und Rettungskräfte hierzulande zunehmend Probleme damit haben, an Unglücksorte zu gelangen bzw. Rettungsmaßnahmen einzuleiten – insbesondere bei Unfällen auf der Autobahn. Grund ist, dass die Einsatzkräfte durch Schaulustige behindert werden, die lieber die Verletzten oder Verstorbenen filmen und dabei die Zugänge zum Unglücksort versperren, als einen Gedanken daran zu verschwenden, Erste Hilfe zu leisten oder Rettungsgassen zu bilden und somit womöglich Menschenleben zu retten. Aus diesem Grund, und natürlich auch zum Schutz der Privatsphäre der Opfer, hat der Bundesrat aktuell einen Gesetzentwurf beschlossen, welcher die Behinderung von Rettungskräften und das Fotografieren oder Filmen von verstorbenen Unglücksopfern künftig unter Strafe stellen soll.

Dies sind nur einige wenige Beispiele dafür, welche besorgniserregende Entwicklung sich in unserer Gesellschaft in den wenigen Jahren seit der Entstehung der Social Media vollzogen hat. An die Stelle von Mitgefühl und Hilfsbereitschaft treten immer häufiger Sensationsgier und Geltungssucht, selbst wenn es um Leben und Tod geht. Nicht sehr sozial, oder? Bleibt nur zu hoffen, dass es Politik und Öffentlichkeit gemeinsam schaffen, der allmählichen „Verrohung“ der Gaffer und schaulustigen „Unfall“-Fotografen entgegen zu wirken und sie für das Leid ihrer Mitmenschen und -lebewesen zu sensibilisieren – je früher, desto besser…

Text: Jenny Karl